Verhaltenssüchte · Körperbild

Muskelsucht und Anabolika: Körperbild, Risiken und Hilfe

Mehr Muskeln, weniger Fett, nie zufrieden. Für manche Menschen wird der eigene Körper zum Dauerprojekt, und Anabolika scheinen die Abkürzung. Was hinter Muskelsucht steckt und welche Risiken Steroide wirklich haben.

In Fitnessstudios und sozialen Medien ist ein muskulöser, definierter Körper für viele junge Männer, zunehmend auch für Frauen, zum Ideal geworden. Für die meisten ist Krafttraining ein gesundes Hobby. Für einige wird es zur Obsession: Sie fühlen sich trotz harten Trainings immer zu klein, trainieren zwanghaft, halten extreme Ernährungspläne ein und greifen zu Anabolika und anderen Dopingmitteln. Diese Seite erklärt, was Muskeldysmorphie ist, warum Anabolika so verbreitet sind, welche gesundheitlichen Risiken sie haben, was rechtlich gilt und wo Betroffene Hilfe finden. Sie enthält bewusst keine Angaben zu Dosierungen oder Kuren.

Muskeldysmorphie

Muskeldysmorphie ist eine Form der körperdysmorphen Störung, also einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Betroffene sind überzeugt, zu schmächtig oder nicht muskulös genug zu sein, obwohl sie objektiv trainiert und muskulös sind. Die Gedanken kreisen über Stunden täglich um den eigenen Körper, um Training, Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel. Spiegel werden gemieden oder ständig aufgesucht, der Körper wird unter weiter Kleidung versteckt, und Situationen wie Schwimmbad oder Strand werden vermieden.

Umgangssprachlich ist von Muskelsucht, Bigorexie oder dem Adonis-Komplex die Rede. Fachlich ist Muskeldysmorphie keine Sucht, teilt aber viele Merkmale mit Verhaltenssüchten und Essstörungen: zwanghaftes Training, starre Ernährungsregeln, Kontrollverlust und das Weitermachen trotz Schäden. Übergänge zur Sportsucht und zu Essstörungen sind fließend. Männer die betroffen sind, suchen im allgemeinen spät Hilfe, weil das Streben nach Muskeln gesellschaftlich als gesund gilt.

Anabolika und andere Mittel

Anabole Steroide sind synthetische Abkömmlinge des männlichen Sexualhormons Testosteron. Sie fördern den Muskelaufbau und beschleunigen die Erholung nach dem Training. In der Medizin werden sie nur in eng begrenzten Situationen eingesetzt. Im Freizeitsport werden sie als Spritzen oder Tabletten genutzt, meist in Zyklen, oft mehrere Mittel gleichzeitig und in Mengen, die weit über medizinischen Dosen liegen. Wer Anabolika nimmt um schneller Muskeln aufzubauen, unterschätzt fast immer, wie stark er in das Hormonsystem eingreift.

Neben klassischen Steroiden kursieren weitere Substanzen: sogenannte SARMs, die als vermeintlich sanftere Alternative beworben werden, aber kaum erforscht und nicht zugelassen sind, Wachstumshormone, Fatburner und Mittel gegen die Nebenwirkungen von Anabolika. Die meisten Produkte stammen aus dem Schwarzmarkt oder aus Onlineshops im Ausland, häufig aus Untergrundlaboren. Inhalt und Reinheit sind unsicher, gefälschte und verunreinigte Präparate sind verbreitet. Wer solche Produkte kauft, weiß deshalb oft nicht genau, was er sich spritzt oder schluckt, und kann im Ernstfall Ärztinnen und Ärzten nicht sagen, welche Substanz im Spiel ist.

Verbreitung im Freizeitsport

Anabolika sind längst kein Thema des Spitzensports mehr. Nach Schätzungen, die in der Fachpresse zitiert werden, nimmt etwa jeder zehnte männliche Besucher von Fitnessstudios anabole Substanzen. Die Nationale Anti-Doping-Agentur beobachtet seit Jahren einen Anstieg im Freizeitsport, besonders bei der Vermarktung über soziale Medien und Onlineshops. Influencer zeigen Körper, die ohne Dopingmittel kaum zu erreichen sind, und sprechen offen oder verdeckt über Kuren. Wer zum ersten mal von Anabolika hört, bekommt sie oft im Studio von Bekannten angeboten, verbunden mit dem Versprechen, dass das alle machen.

Risiken für den Körper

Anabolika belasten vor allem das Herz. Der Herzmuskel wächst, ohne dass die Blutgefäße mitwachsen. Die Folge ist eine schlechtere Durchblutung des Herzens, die zu Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt und Schlaganfall führen kann, auch bei jungen Menschen. Diese Veränderungen bilden sich nach dem Absetzen nicht immer vollständig zurück. Hinzu kommen Bluthochdruck, ungünstige Blutfettwerte, ein erhöhtes Thromboserisiko und bei Tabletten Leberschäden.

Das Hormonsystem gerät aus dem Gleichgewicht. Bei Männern werden Hoden kleiner, die Spermienproduktion nimmt ab bis zur Unfruchtbarkeit, und es kann sich Brustgewebe bilden. Bei Frauen kommt es zu tieferer Stimme, Bartwuchs, Zyklusstörungen und Veränderungen der Geschlechtsorgane, die teils dauerhaft sind. Akne, Haarausfall und Sehnenrisse sind weitere häufige Folgen. Wer Spritzen teilt oder unsauber spritzt, riskiert Abszesse und Infektionen. Bei Jugendlichen kann das Längenwachstum vorzeitig enden.

Im Notfall: Brustschmerzen, Atemnot, plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen oder ein stark geschwollenes, schmerzendes Bein nach Anabolikakonsum können Zeichen eines Herzinfarkts, Schlaganfalls oder einer Thrombose sein. Wählen Sie sofort den Notruf 112. Mehr auf der Seite Medizinische Notfälle und dringende Hilfe.

Risiken für die Psyche

Anabolika wirken auch auf das Gehirn. Während der Einnahme berichten viele von Gereiztheit, Stimmungsschwankungen und gesteigerter Aggressivität. Besonders bei jungen Nutzern werden Aggressionen, Depressionen und Gedächtnisprobleme beschrieben. Nach dem Absetzen folgen häufig depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit und Libidoverlust, weil die körpereigene Hormonproduktion für Wochen bis Monate unterdrückt bleibt. In dieser Phase kann es zu Suizidgedanken kommen. Wer an Suizid denkt, erreicht die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123.

Für Menschen mit Muskeldysmorphie verstärken Anabolika den Teufelskreis im großen und ganzen noch: Die Muskeln wachsen, doch die Unzufriedenheit bleibt, weil das Problem nicht im Körper, sondern in seiner Wahrnehmung liegt. Wird abgesetzt, schrumpfen die Muskeln, was große Angst auslöst. Viele Betroffene nehmen deshalb des öfteren zusätzlich andere Substanzen, etwa Schmerzmittel, Schlafmittel, Stimulanzien oder Alkohol.

Abhängigkeit und Absetzen

Anabolika machen nicht im klassischen Sinn high, können aber abhängig machen. Fachleute beschreiben eine Abhängigkeit, die sich aus dem Wunsch nach Muskeln, der Angst vor ihrem Verlust und den belastenden Beschwerden nach dem Absetzen speist. Ob eine Abhängigkeit vorliegt, zeigt sich ob Pausen gelingen und ob trotz bekannter Schäden immer wieder neu begonnen wird. Die Frage ob und wie abgesetzt werden kann, sollte mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden, idealerweise mit Erfahrung in Endokrinologie oder Sportmedizin. PrevNet gibt keine Hinweise zu Kuren, Dosierungen oder Absetzschemata.

Rechtslage

In Deutschland regelt das Anti-Doping-Gesetz den Umgang mit Dopingmitteln. Herstellung, Handel, Inverkehrbringen und Einfuhr sind verboten, ebenso Erwerb und Besitz einer nicht geringen Menge bestimmter Substanzen. Es drohen Geld- oder Freiheitsstrafen. Bei Razzien gegen Händlernetzwerke in Fitnessstudios wurden in den vergangenen Jahren hunderte Strafverfahren eingeleitet. Für Sportlerinnen und Sportler in organisierten Wettkämpfen gelten zusätzlich die Regeln der Anti-Doping-Agenturen. Entscheidend ist ob die gesundheitlichen Risiken bekannt sind, denn ein Strafverfahren ist für viele Nutzer weniger gefährlich als das, was die Mittel im Körper anrichten.

Hilfe

Wer Anabolika genommen hat, sollte sich ärztlich untersuchen lassen, auch ohne Beschwerden. Hausärztinnen, Sportmediziner und Endokrinologinnen können Herz, Blutwerte und Hormonstatus prüfen und einen sicheren Ausstieg begleiten. Offenheit ist dabei wichtig, denn nur wer weiß, was genommen wurde, kann gezielt untersuchen. Ärztinnen und Ärzte unterliegen der Schweigepflicht.

Bei Muskeldysmorphie ist Psychotherapie der wichtigste Baustein, oft verhaltenstherapeutisch. Sie hilft, das verzerrte Körperbild zu hinterfragen, zwanghaftes Training und Kontrollverhalten abzubauen und den Selbstwert unabhängig vom Aussehen zu stärken. Suchtberatungsstellen beraten auch zu Dopingmitteln und Medikamentenmissbrauch, Beratungsstellen für Essstörungen sind bei starren Ernährungsregeln ansprechbar. Im wesentlichen geht es darum, wieder Freude an Bewegung zu finden, ohne dass der Körper zum Dauerprojekt wird.

Für Angehörige

Angehörige bemerken oft schnelle körperliche Veränderungen, starke Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, Akne, Spritzen oder Ampullen und einen Alltag, der sich nur noch um Training und Essen dreht. Hilfreich ist, die Sorge um die Gesundheit in den Mittelpunkt zu stellen, nicht das Aussehen oder ein mögliches Strafverfahren. Ein Vorschlag, gemeinsam einen Gesundheitscheck zu machen, öffnet häufig mehr als Vorwürfe. Bei Aggression oder Drohungen hat die eigene Sicherheit Vorrang. Mehr auf der Seite Unterstützung für Angehörige.

Quellen und Stand

  1. Apotheken Umschau: Anabolika im Freizeitsport, Gefahren und Nebenwirkungen (Verbreitung, Risiken, Rechtslage)
  2. Legal Tribune Online: Das Doping-Strafrecht erreicht Deutschlands Fitnessstudios (Anti-Doping-Gesetz, Strafverfahren)
  3. Bundesministerium für Gesundheit: Kurzbericht No Roids Inside (PDF) (Prävention von Anabolikamissbrauch)
  4. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Suchthilfeverzeichnis (Beratungsstellen)

Autor: Redaktion PrevNet. Veröffentlicht am 3. Oktober 2026, letzte inhaltliche Prüfung durch die Redaktion am 3. Oktober 2026. Eine medizinische Fachprüfung durch externe Expertinnen oder Experten hat für diesen Artikel noch nicht stattgefunden.

Häufige Fragen

Fragen, die oft gestellt werden

Was ist Muskeldysmorphie?

Muskeldysmorphie ist eine Form der körperdysmorphen Störung. Betroffene empfinden sich als zu schmächtig oder zu wenig muskulös, obwohl sie objektiv muskulös sind. Die Gedanken kreisen ständig um den eigenen Körper, Training und Ernährung. Umgangssprachlich wird das auch Muskelsucht oder Adonis-Komplex genannt.

Wie verbreitet sind Anabolika im Fitnessstudio?

Nach Schätzungen, die in der Fachpresse zitiert werden, nimmt etwa jeder zehnte männliche Besucher von Fitnessstudios anabole Substanzen. Die Nationale Anti-Doping-Agentur beobachtet seit Jahren eine Zunahme im Freizeitsport, besonders bei der Vermarktung über das Internet.

Ist der Besitz von Anabolika strafbar?

Nach dem Anti-Doping-Gesetz sind Herstellung, Handel, Inverkehrbringen und Einfuhr verboten. Auch Erwerb und Besitz einer nicht geringen Menge bestimmter Dopingmittel sind strafbar. Bei Razzien in Fitnessstudios wurden in den vergangenen Jahren hunderte Strafverfahren eingeleitet. Es drohen Geld- oder Freiheitsstrafen.

Bilden sich die Schäden nach dem Absetzen zurück?

Manche ja, manche nicht. Akne oder Wassereinlagerungen bessern sich oft. Veränderungen am Herzmuskel, Unfruchtbarkeit, eine gestörte körpereigene Hormonproduktion oder bei Frauen eine tiefere Stimme können dauerhaft bleiben. Wer Anabolika genommen hat, sollte sich ärztlich untersuchen lassen.

Kann man von Anabolika abhängig werden?

Ja. Viele Nutzer erleben nach dem Absetzen depressive Verstimmungen, Antriebslosigkeit und Libidoverlust, weil die körpereigene Hormonproduktion unterdrückt ist. Gleichzeitig schrumpfen die Muskeln, was bei Menschen mit Muskeldysmorphie große Angst auslöst. Beides kann dazu führen, dass immer wieder neu begonnen wird.

Nächster Schritt

Stärke heißt auch, Hilfe anzunehmen.

Ärztinnen, Therapeuten und Beratungsstellen helfen bei Muskeldysmorphie und dem Ausstieg aus Anabolika. Die Angebote stammen von externen Trägern.