Unterstützung für Angehörige bei Suchtproblemen
Partner, Eltern, Kinder und Freunde sind mitbetroffen. Wie Gespräche gelingen können, warum Grenzen wichtig sind, was Angehörige für sich selbst tun dürfen und welche externen Angebote es gibt.
Auf jeden Menschen mit einer Suchterkrankung kommen mehrere Angehörige, die mitleiden: Partnerinnen und Partner, Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde. Sie tragen Sorge, Scham, Wut und Hoffnung oft über Jahre, meist ohne selbst Hilfe zu suchen. Diese Seite richtet sich an sie. Sie erklärt, was Angehörige bei Suchtproblemen tun können und was nicht, warum die eigene Entlastung kein Egoismus ist, und sie unterscheidet drei Situationen: der Partner, das konsumierende Kind und die Kindheit mit suchtkranken Eltern.
Mitbetroffen: was Sucht mit Angehörigen macht
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen spricht von Mitbetroffenen, und das Wort trifft es. Angehörige leben mit Unberechenbarkeit, gebrochenen Versprechen, Geldsorgen und der ständigen Frage, ob heute ein guter oder ein schlechter Tag wird. Viele übernehmen nach und nach Aufgaben, die die betroffene Person nicht mehr erfüllt, entschuldigen sie beim Arbeitgeber, kontrollieren Vorräte, zahlen Schulden. Das eigene Leben schrumpft auf das Problem des anderen zusammen.
Die Folgen sind messbar: Angehörige haben häufiger Schlafstörungen, Erschöpfung, Ängste und depressive Symptome als der Durchschnitt. Kinder in suchtbelasteten Familien tragen ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst eine Abhängigkeit oder andere psychische Erkrankungen zu entwickeln. Wer einen Menschen liebt der trinkt, spielt oder konsumiert, braucht deshalb selbst Unterstützung, und zwar unabhängig davon, ob dieser Mensch etwas ändern will.
Fünf Grundsätze für Angehörige
- Sie haben die Sucht nicht verursacht und können sie nicht heilen. Sie können Bedingungen schaffen, die Veränderung wahrscheinlicher machen, aber die Entscheidung liegt bei der betroffenen Person.
- Benennen Sie, was Sie sehen. Konkret, ruhig, ohne Diagnose und ohne Vorwurf. Verheimlichen und Mitspielen verlängern das Problem.
- Übernehmen Sie keine Folgen. Wer Ausfälle deckt, Schulden zahlt oder Lügen stützt, nimmt der betroffenen Person den Anlass, etwas zu ändern. Das fühlt sich hart an und ist oft der wirksamste Schritt.
- Setzen Sie Grenzen, die Sie halten können. Eine angekündigte Konsequenz, die nicht kommt, ist schlimmer als keine. Wählen Sie Grenzen, die Ihr eigenes Leben schützen, nicht solche, die den anderen bestrafen sollen.
- Holen Sie sich selbst Hilfe. Beratungsstellen und Angehörigengruppen sind für Sie da, auch wenn die betroffene Person nie dort erscheint.
Diese Grundsätze klingen einfach und sind im Alltag schwer. Angehörige die seit Jahren alles zusammenhalten, können nicht von heute auf morgen loslassen. Es geht um eine Richtung, nicht um Perfektion. Im Glossar erklärt PrevNet den umstrittenen Begriff Co-Abhängigkeit und warum er Angehörige nicht verantwortlich macht.
Das Gespräch suchen
Das Gespräch über die Sucht wird oft aufgeschoben, weil frühere Versuche in Streit endeten. Ein paar Dinge erhöhen die Chance, gehört zu werden. Wählen Sie einen ruhigen Zeitpunkt, an dem die Person nüchtern und nicht gestresst ist, ohne Zeitdruck und ohne Zuhörer. Sprechen Sie von sich: was Sie beobachtet haben, was es mit Ihnen macht, was Sie sich wünschen. Vermeiden Sie Etiketten wie Alkoholiker oder Süchtiger; sie lösen Abwehr aus. Bieten Sie konkrete Hilfe an, zum Beispiel gemeinsam eine Beratungsstelle aufzusuchen, und akzeptieren Sie, dass die Antwort zunächst Nein sein kann.
Rechnen Sie mit Verharmlosung, Gegenangriffen oder Versprechen. Das ist typisch und kein Zeichen, dass das Gespräch umsonst war. Oft wirkt es verzögert. Wenn es wiederholt nicht gelingt, hilft eine Beratungsstelle, das Gespräch vorzubereiten oder zu begleiten. Wie viel ein solches Gespräch bewegt, merkt man erst wenn man es geführt hat.
Wenn der Partner ein Suchtproblem hat
In einer Partnerschaft ist die Sucht besonders nah. Man teilt Konto, Wohnung, Kinder und Zukunft. Partnerinnen und Partner geraten oft in eine Rolle zwischen Kontrolle und Hoffnung: Flaschen suchen, Kontoauszüge prüfen, Versprechen glauben, enttäuscht werden, wieder hoffen. Dazu kommen Scham gegenüber Familie und Freunden und die Frage ob man bleiben oder gehen soll.
Für Partner gelten die Grundsätze oben in besonderem Maß. Schützen Sie, was Sie schützen können: Ihr eigenes Geld, Ihre Gesundheit, die Kinder. Trennen Sie Konten, wenn Geld verschwindet. Lassen Sie sich beraten, bevor Sie Entscheidungen treffen, nicht erst danach. Und holen Sie sich Menschen zurück, die Sie im Lauf der Jahre verloren haben. Ob eine Beziehung eine Sucht übersteht, hängt von vielen Dingen ab; dass die eigene Gesundheit sie nicht überstehen darf, steht im allgemeinen fest. Bei Gewalt in der Beziehung gilt unabhängig von der Sucht: Suchen Sie Schutz, zum Beispiel über das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen oder die Polizei.
Wenn Jugendliche problematisch konsumieren
Eltern reagieren auf den Konsum ihres Kindes meist mit einer Mischung aus Angst, Wut und Hilflosigkeit. Zuerst hilft ein nüchterner Blick: Probieren gehört zur Jugend, und nicht jeder Rausch ist der Beginn einer Sucht. Aufmerksam werden sollten Eltern, wenn Konsum regelmäßig wird, wenn Schule, Schlaf, Stimmung oder Freundeskreis sich deutlich verändern, wenn Geld fehlt oder wenn das Kind heimlich und allein konsumiert. Der Punkt an dem mehrere dieser Zeichen zusammenkommen, ist der Punkt für ein ernsthaftes Gespräch.
Verbote allein erreichen Jugendliche selten; sie verlagern den Konsum ins Verborgene. Wirksamer sind Interesse am Leben des Kindes, klare und begründete Regeln, verlässliche Konsequenzen und die Bereitschaft, zuzuhören, ohne sofort zu urteilen. Eltern dürfen sich Unterstützung holen, bevor sie mit dem Kind sprechen: Suchtberatungsstellen und Erziehungsberatungsstellen beraten Eltern, viele haben spezielle Jugendangebote. Jugendliche selbst können sich anonym an drugcom.de oder die Nummer gegen Kummer wenden. Spitzt sich die Lage zu, etwa weil ein Jugendlicher zu Hause nicht mehr erreichbar ist, die Schule verweigert oder sich und andere gefährdet, ist das Jugendamt der richtige Ansprechpartner. Es kann Hilfen zur Erziehung vermitteln, von der Familienhilfe zu Hause bis zu einer Unterbringung außerhalb der Familie. Für junge Menschen mit sehr hohem Unterstützungsbedarf gibt es in der Jugendhilfe auch intensive Einzelbetreuung mit festen Bezugspersonen rund um die Uhr. Ein solcher Schritt ist kein Scheitern der Eltern, sondern manchmal der Rahmen, in dem ein Ausstieg erst möglich wird. Substanzbezogene Hinweise für Eltern finden Sie auf den Seiten zu Cannabis, Nikotin, Computerspielen und Mediennutzung.
Kinder in suchtbelasteten Familien
Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen wachsen in Deutschland mehrere Millionen Kinder mit mindestens einem suchtkranken Elternteil auf. Sie erleben Unberechenbarkeit, Vernachlässigung, Streit, manchmal Gewalt, und sie lernen früh, nicht darüber zu sprechen. Viele übernehmen Verantwortung für Geschwister und Haushalt, funktionieren nach außen und fallen deshalb nicht auf. Ihr Risiko, später selbst eine Sucht oder eine psychische Erkrankung zu entwickeln, ist deutlich erhöht.
Was diese Kinder brauchen, ist gut erforscht: mindestens eine verlässliche erwachsene Bezugsperson außerhalb der Familie, eine Sprache für das, was zu Hause passiert, die klare Botschaft, dass sie keine Schuld tragen und nichts reparieren müssen, und Orte, an denen sie Kind sein dürfen. Für Lehrkräfte, Trainer, Verwandte und Nachbarn heißt das: hinschauen, ansprechbar sein, nicht wegsehen. Für die Kinder und Jugendlichen selbst gibt es mit Hilfen im Netz, NACOA und KidKit anonyme Onlineangebote und in vielen Städten Gruppen, in denen sie andere mit ähnlichen Erfahrungen treffen. Wer als Erwachsener zum ersten mal auf die eigene Kindheit in einer suchtbelasteten Familie blickt, findet dort ebenfalls Ansprechpartner.
Eigene Entlastung und Hilfe für Angehörige
Angehörige fragen des öfteren, ob sie überhaupt ein Recht auf Hilfe haben, wo doch der andere das Problem hat. Die Antwort der Suchthilfe ist eindeutig: ja. Suchtberatungsstellen beraten Angehörige als eigenständige Klienten, mit eigenen Gesprächen und eigenen Zielen. Es gibt Selbsthilfegruppen speziell für Angehörige, etwa die Al-Anon-Familiengruppen oder Angehörigengruppen der großen Suchtselbsthilfeverbände, in denen Menschen sitzen, die genau wissen, wovon Sie sprechen. Und wenn die Belastung in Erschöpfung, Ängste oder Depressionen übergeht, ist eine eigene Psychotherapie kein Luxus.
Entlastung bedeutet auch, etwas neues ins eigene Leben zu holen: Kontakte, die nichts mit der Sucht zu tun haben, Zeit für sich, Dinge, die Freude machen. Das ist kein Verrat an der betroffenen Person. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt noch Kraft zu haben. Was als nächstes für Sie sinnvoll ist, lässt sich in einem ersten Gespräch klären.
Quellen und Stand
- Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Angehörige und Mitbetroffene (Belastung, Unterstützung, Grundsätze)
- Hilfen im Netz: NACOA Deutschland und KidKit (Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien)
- Nummer gegen Kummer: Kinder- und Jugendtelefon (Rufnummer, Zeiten, Kosten)
- DigiSucht: Onlineberatung der Suchthilfe (auch für Angehörige)
- Stationäre Jugendhilfe: Einzelbetreuung und Wohnformen nach §§ 34 und 35 SGB VIII (Formen der Unterbringung außerhalb der Familie)
Autor: Redaktion PrevNet. Veröffentlicht am 2. Oktober 2026, letzte inhaltliche Prüfung durch die Redaktion am 2. Oktober 2026. Eine medizinische Fachprüfung durch externe Expertinnen oder Experten hat für diesen Artikel noch nicht stattgefunden.
Fragen, die oft gestellt werden
Kann ich jemanden zwingen, sich behandeln zu lassen?
Erwachsene können in Deutschland nicht gegen ihren Willen zu einer Suchtbehandlung gezwungen werden, außer in akuten Gefahrensituationen, in denen eine Unterbringung geprüft wird. Was Sie können: das Problem klar benennen, Hilfe anbieten, Konsequenzen setzen und sich selbst Unterstützung holen. Viele Betroffene gehen erst dann in Behandlung, wenn das Umfeld aufhört, die Folgen abzufangen.
Bin ich schuld an der Sucht meines Partners?
Nein. Eine Sucht hat viele Ursachen, und keine davon ist das Verhalten eines Angehörigen. Angehörige können ungewollt dazu beitragen, dass eine Sucht länger unbemerkt bleibt, etwa indem sie Folgen abfedern. Das ist kein Verschulden, sondern eine verständliche Reaktion, die sich verändern lässt. Beratungsstellen helfen dabei ohne Schuldzuweisung.
Darf ich mich beraten lassen, wenn die betroffene Person nichts davon weiß?
Ja. Suchtberatungsstellen beraten Angehörige unabhängig davon, ob die konsumierende Person etwas ändern will oder vom Gespräch weiß. Die Beratung ist kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym. Es gibt auch eigene Gruppen für Angehörige.
Wie spreche ich mein Kind auf Konsum an?
In einem ruhigen Moment, nüchtern, ohne Publikum. Beschreiben Sie, was Sie beobachten, und fragen Sie, statt zu urteilen. Formulieren Sie klare Erwartungen und erklären Sie sie. Drohen Sie nichts an, was Sie nicht einhalten. Wenn das Gespräch nicht gelingt, hilft eine Beratungsstelle beim nächsten Versuch; Jugendliche können sich dort auch allein beraten lassen.
Wo finden Kinder suchtkranker Eltern Hilfe?
Hilfen im Netz bündelt Angebote von NACOA Deutschland und KidKit speziell für Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien, online und anonym. Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer ist unter 116 111 erreichbar. Viele Städte haben außerdem Gruppenangebote für betroffene Kinder; Suchtberatungsstellen wissen, wo. Alle Angebote sind extern.
Sie dürfen Hilfe annehmen, bevor der andere es tut.
Beratungsstellen und Angehörigengruppen sind für Sie da, unabhängig davon, was die betroffene Person entscheidet. Die Angebote stammen von externen Trägern.