Verhaltenssüchte · Arbeit

Arbeitssucht: wenn Leistung nicht mehr aufhören kann

Arbeitssucht ist die einzige Sucht, für die man gelobt wird. Was suchthaftes Arbeiten von Engagement unterscheidet, woran man es erkennt, was es mit Gesundheit und Familie macht und wie der Ausstieg gelingt.

Fleiß, Einsatzbereitschaft und Überstunden gelten in vielen Berufen als Tugend. Wer immer erreichbar ist und nie Urlaub nimmt, wird oft bewundert. Doch für manche Menschen wird Arbeit zum Zwang, der nicht mehr aufhören kann: Sie können nicht abschalten, fühlen sich ohne Arbeit unruhig und wertlos und opfern Gesundheit, Familie und Freundschaften. Etwa zehn Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland arbeiten nach einer großen Auswertung suchthaft. Diese Seite erklärt, was Arbeitssucht ist, woran man sie erkennt, welche Folgen sie hat und welche Wege aus ihr herausführen.

Was Arbeitssucht ist

Der Begriff Workaholic wurde bereits Anfang der 1970er Jahre geprägt. Fachleute unterscheiden bei der Arbeitssucht zwei Merkmale, die zusammenkommen: exzessives Arbeiten, also sehr viel, sehr schnell und an vielen Aufgaben gleichzeitig, und zwanghaftes Arbeiten, also die Unfähigkeit, abzuschalten, und ein schlechtes Gewissen bei jeder Pause. Erst die Kombination macht suchthaftes Arbeiten aus. Wer viel arbeitet, aber gern und mit klaren Grenzen, ist nicht arbeitssüchtig.

Arbeitssucht ist keine eigenständige Diagnose in der ICD-11. Sie zeigt aber viele Merkmale einer Verhaltenssucht: Kontrollverlust über Arbeitszeit und Arbeitsmenge, Unruhe und Gereiztheit in arbeitsfreien Zeiten, Vernachlässigung anderer Lebensbereiche und Weitermachen trotz gesundheitlicher und sozialer Folgen. Im wesentlichen geht es nicht um die Zahl der Stunden, sondern um das Verhältnis zur Arbeit.

Wie verbreitet suchthaftes Arbeiten ist

Eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie hat Befragungsdaten von rund 8.000 Erwerbstätigen ausgewertet, die das Bundesinstitut für Berufsbildung und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin erhoben haben. Danach arbeiten etwa zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland suchthaft, also exzessiv und zwanghaft zugleich. Suchthaftes Arbeiten ist damit kein Randphänomen einzelner Branchen, sondern kommt in vielen Berufen und auf allen Hierarchieebenen vor.

Bemerkenswert ist, dass suchthaftes Arbeiten nicht mit einer bestimmten Stundenzahl beginnt. Manche Menschen arbeiten offiziell normale Zeiten, sind aber gedanklich nie wirklich weg von der Arbeit, lesen nachts Mails und fühlen sich am Wochenende schuldig, wenn sie nichts schaffen. Andere arbeiten sehr lange, ohne diesen inneren Zwang. Die Studie zeigt auch, dass das Arbeitsumfeld eine Rolle spielt. In Betrieben mit Betriebsrat lag der Anteil suchthaft Arbeitender bei 8,7 Prozent, in Betrieben ohne Mitbestimmung bei 11,9 Prozent. Strukturen, die Arbeitszeit und Erreichbarkeit begrenzen, wirken also offenbar schützend.

Wie Arbeitssucht entsteht

Arbeitssucht entsteht im allgemeinen aus einem Zusammenspiel von Persönlichkeit, Erfahrungen und Umfeld. Viele Betroffene haben früh gelernt, dass Anerkennung an Leistung geknüpft ist. Perfektionismus, ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst, nicht zu genügen, treiben sie an. Arbeit gibt Struktur, Selbstwert und das Gefühl, gebraucht zu werden. Wer arbeitet um unangenehme Gefühle, Einsamkeit oder Konflikte zu vermeiden, findet in der Arbeit einen gesellschaftlich akzeptierten Fluchtort.

Das Arbeitsumfeld kann diese Neigung verstärken: ständige Erreichbarkeit über Smartphone und Laptop, unklare Grenzen im Homeoffice, Leistungsdruck, unsichere Arbeitsverhältnisse und eine Kultur, in der lange Arbeitstage als Zeichen von Engagement gelten. Bei Selbstständigen fehlt oft jede äußere Grenze. Wer zum ersten mal merkt, dass ein freier Tag eher Angst als Erholung auslöst, steckt häufig schon tief im Muster.

Hinzu kommt, dass Arbeitssucht kurzfristig belohnt wird. Projekte werden fertig, Vorgesetzte loben, das Einkommen steigt. Diese Bestätigung verstärkt das Verhalten, während die Kosten erst später sichtbar werden: Erschöpfung, Gereiztheit, ein leerer Freundeskreis. Anders als bei vielen anderen Süchten gibt es selten einen Moment, in dem das Umfeld Alarm schlägt. Oft sind es erst körperliche Beschwerden oder eine Krise in der Familie, die zum Innehalten zwingen.

Anzeichen

  • Sie arbeiten regelmäßig deutlich länger als vereinbart oder nötig.
  • Sie können in der Freizeit, im Urlaub oder abends nicht abschalten.
  • Pausen und freie Tage lösen Unruhe, Schuldgefühle oder Gereiztheit aus.
  • Sie nehmen Arbeit mit ins Bett, in den Urlaub oder zu Familienfeiern.
  • Freundschaften, Partnerschaft, Hobbys und Sport kommen dauerhaft zu kurz.
  • Sie fühlen sich nur wertvoll, wenn Sie etwas leisten.
  • Sie arbeiten weiter, obwohl Körper oder Angehörige deutliche Warnsignale senden.

Ob es sich um eine Phase hoher Belastung oder um suchthaftes Arbeiten handelt, zeigt sich ob nach dem Ende einer stressigen Zeit wieder Erholung möglich ist. Menschen die auch in ruhigen Phasen neue Arbeit suchen, statt durchzuatmen, sollten genauer hinschauen.

Folgen für Gesundheit und Familie

Suchthaftes Arbeiten belastet die Gesundheit deutlich. In der Böckler-Studie bewerteten 28 Prozent der suchthaft Arbeitenden ihre Gesundheit als weniger gut oder schlecht, bei entspannt Arbeitenden waren es 14 Prozent. Suchthaft Arbeitende hatten im Durchschnitt 7,1 gesundheitliche Beschwerden im Jahr gegenüber 4,3. Häufig sind Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Rücken- und Kopfschmerzen. Trotzdem gehen sie seltener zum Arzt: 30 Prozent hatten mehr als sechs unbehandelte Beschwerden.

Langfristig steigt das Risiko für Burnout, Depression, Angststörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Viele Betroffene greifen zu Hilfsmitteln, um zu funktionieren: Kaffee, Energydrinks, Alkohol zum Abschalten, Schlafmittel oder sogar leistungssteigernde Substanzen. Hier entstehen Übergänge zur Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln, Alkoholproblemen oder Amphetaminkonsum. Partnerschaften leiden unter Abwesenheit und Erschöpfung, Kinder erleben einen Elternteil, der zwar da, aber nicht ansprechbar ist.

Die Rolle des Arbeitsumfelds

Arbeitssucht ist nicht nur ein individuelles Problem. Arbeitgeber haben großen Einfluss darauf, ob sich suchthafte Muster entwickeln. Hilfreich sind klare Regeln zur Erreichbarkeit, etwa keine Mails nach Feierabend, realistische Arbeitsmengen, Führungskräfte, die selbst Pausen und Urlaub vorleben, und eine Kultur, in der Grenzen respektiert werden. Wichtig ist ob Beschäftigte Überlastung ansprechen können, ohne Nachteile zu befürchten. Betriebliches Gesundheitsmanagement, Betriebsärztinnen und Mitarbeiterberatungen können Anlaufstellen sein. Das Arbeitszeitgesetz mit Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten setzt einen gesetzlichen Rahmen, der im großen und ganzen auch dem Schutz vor Selbstausbeutung dient.

Hilfe und Wege heraus

Der erste Schritt ist, das eigene Muster zu erkennen und ernst zu nehmen. Das ist bei Arbeitssucht besonders schwer, weil Umfeld und Gesellschaft das Verhalten oft belohnen. Psychotherapie hilft, die Gründe hinter dem Arbeitszwang zu verstehen, etwa Perfektionismus, Angst vor Versagen oder ein Selbstwert, der nur an Leistung hängt. Sie unterstützt dabei, neue Grenzen zu setzen und Erholung wieder zuzulassen. Bei Burnout, Depression oder körperlichen Beschwerden ist zusätzlich ärztliche Behandlung wichtig, bei Bedarf auch eine psychosomatische Reha.

Praktische Schritte können den Anfang erleichtern: feste Arbeitszeiten und ein klarer Feierabend, das Diensthandy nach Arbeitsende ausschalten, Urlaub wirklich ohne Laptop, regelmäßige Termine für Sport, Freunde und Familie, die so verbindlich sind wie ein Kundentermin. Die Frage ob das gelingt, hängt auch vom Arbeitsumfeld ab. Selbsthilfegruppen für Menschen mit Arbeitssucht bieten Austausch mit anderen, die Ähnliches erleben. Suchtberatungsstellen beraten ebenfalls zu Verhaltenssüchten.

Für Angehörige

Angehörige leiden des öfteren still unter der Arbeitssucht eines Partners oder Elternteils. Gemeinsame Zeit wird immer wieder verschoben, Versprechen werden gebrochen, und wer sich beschwert, hört, dass die Arbeit doch für die Familie sei. Hilfreich ist, die eigenen Bedürfnisse klar und ohne Vorwurf zu benennen und konkrete Vereinbarungen zu treffen, etwa feste Familienzeiten. Wenn sich nichts ändert, kann eine Paar- oder Familienberatung helfen. Sie dürfen auch für sich selbst Unterstützung suchen. Mehr dazu auf der Seite Unterstützung für Angehörige und in der Übersicht Süchte im Überblick.

Quellen und Stand

  1. Hans-Böckler-Stiftung: Wer suchthaft arbeitet, hat mehr gesundheitliche Probleme (Verbreitung, Gesundheitsfolgen, Rolle des Betriebsrats)
  2. Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Arbeitszeit, Gesundheit am Arbeitsplatz)
  3. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen: Suchthilfeverzeichnis (Beratungsstellen)
  4. DigiSucht: Onlineberatung der Suchthilfe (Beratung auch zu Verhaltenssüchten)

Autor: Redaktion PrevNet. Veröffentlicht am 3. Oktober 2026, letzte inhaltliche Prüfung durch die Redaktion am 3. Oktober 2026. Eine medizinische Fachprüfung durch externe Expertinnen oder Experten hat für diesen Artikel noch nicht stattgefunden.

Häufige Fragen

Fragen, die oft gestellt werden

Ist Arbeitssucht eine anerkannte Krankheit?

Nein, Arbeitssucht ist keine eigene Diagnose in den gängigen Klassifikationssystemen. Fachleute beschreiben sie als suchtartiges Verhaltensmuster mit Kontrollverlust, Entzugserscheinungen in arbeitsfreien Zeiten und Weitermachen trotz Folgen. Häufig gehen damit behandlungsbedürftige Erkrankungen wie Depression, Angststörungen oder ein Burnout einher.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Nach einer Auswertung von Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz mit rund 8.000 Erwerbstätigen arbeiten etwa zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland suchthaft, also sowohl exzessiv als auch zwanghaft. Die Analyse wurde von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert.

Was ist der Unterschied zwischen viel arbeiten und Arbeitssucht?

Viele Menschen arbeiten zeitweise sehr viel, etwa vor einer Deadline oder in der Gründungsphase, und können danach wieder abschalten. Bei Arbeitssucht gelingt das nicht. Die Gedanken kreisen auch in der Freizeit um die Arbeit, Pausen lösen Unruhe und Schuldgefühle aus, und andere Lebensbereiche werden dauerhaft vernachlässigt.

Ist Arbeitssucht dasselbe wie Burnout?

Nein, aber beides hängt oft zusammen. Arbeitssucht beschreibt ein Verhalten, Burnout einen Erschöpfungszustand. Wer jahrelang zwanghaft arbeitet, hat ein erhöhtes Risiko, in ein Burnout oder eine Depression zu geraten.

Was kann der Arbeitgeber tun?

Unternehmen können eine Kultur fördern, in der Pausen, Feierabend und Urlaub selbstverständlich sind, Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit begrenzen und Führungskräfte schulen, Warnzeichen zu erkennen. Daten zeigen, dass in Betrieben mit Betriebsrat seltener suchthaft gearbeitet wird.

Nächster Schritt

Feierabend ist kein Versagen.

Beratungsstellen und Therapeutinnen helfen, ein gesundes Verhältnis zur Arbeit zurückzugewinnen. Die Angebote stammen von externen Trägern.