Glossar · Begriff

Verhaltenssucht: Bedeutung und wichtige Unterschiede

Was eine Verhaltenssucht von einer Substanzabhängigkeit unterscheidet, welche Formen offiziell anerkannt sind, wo die Grenzen des Begriffs liegen und wie die Behandlung aussieht.

Kurz erklärt: Verhaltenssucht

Verhaltenssucht bezeichnet Abhängigkeiten ohne Substanz, bei denen ein Verhalten die Merkmale einer Sucht zeigt: Kontrollverlust, Vorrang vor anderen Lebensbereichen, Fortsetzung trotz Schäden. International anerkannt sind die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung. Nicht jedes intensive Verhalten ist deshalb eine Sucht.

Definition nach den auf dieser Seite genannten Quellen. Eine Definition ist kein Diagnosetest.

Was Verhaltenssucht bedeutet

Verhaltenssucht, fachlich auch stoffungebundene oder nicht substanzbezogene Abhängigkeit, bezeichnet Erkrankungen, bei denen nicht eine Substanz, sondern ein Verhalten die Merkmale einer Sucht zeigt: Kontrollverlust, Vorrang des Verhaltens vor anderen Lebensbereichen und Fortsetzung trotz negativer Folgen. Die Bedeutung des Begriffs hat sich in den vergangenen Jahren geschärft, seit die Weltgesundheitsorganisation zwei Verhaltenssüchte offiziell anerkannt hat: die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung.

Lange war umstritten, ob ein Verhalten überhaupt süchtig machen kann. Heute ist klar: Verhaltensweisen, die das Belohnungssystem stark und unvorhersehbar aktivieren, können ähnliche Veränderungen im Gehirn auslösen wie Substanzen. Craving, Toleranz im Sinne steigender Einsätze oder Spielzeiten und entzugsähnliche Unruhe beim Verzicht kommen vor. Die wichtigsten Unterschiede zur Substanzabhängigkeit liegen im Fehlen körperlicher Entzugssymptome im engeren Sinn und in der Rolle, die das Verhalten im Alltag ohnehin spielt.

Welche Verhaltens­süchte anerkannt sind

In der internationalen Klassifikation ICD-11, die seit 2022 gilt, stehen genau zwei Störungen durch suchtartiges Verhalten: die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung, jeweils in einer Online- und einer Offline-Variante. Für beide gelten dieselben drei Kernkriterien, meist über mindestens zwölf Monate, verbunden mit deutlicher Beeinträchtigung in Familie, Schule, Beruf oder anderen wichtigen Bereichen. PrevNet behandelt beide ausführlich auf den Seiten Glücksspielsucht und Computerspielstörung.

Andere häufig genannte Formen sind nicht als eigenständige Süchte klassifiziert. Zwanghaftes Sexualverhalten führt die ICD-11 unter den Impulskontrollstörungen. Kaufsucht, Arbeitssucht, Sportsucht und die sogenannte Handysucht oder Social-Media-Sucht sind Alltagsbegriffe ohne eigene Diagnose; die zugrunde liegenden Probleme werden als Impulskontrollstörung, Zwangsstörung, Internetnutzungsstörung oder im Rahmen anderer Erkrankungen eingeordnet. Essstörungen sind eigene Krankheitsbilder mit anderen Kriterien und keine Verhaltenssüchte.

Grenzen des Begriffs

Der Grund warum Fachleute mit dem Suchtbegriff vorsichtig umgehen, ist einfach: Fast jedes lustvolle Verhalten lässt sich als Sucht etikettieren, und damit verliert der Begriff seinen Sinn. Wer viel Zeit mit etwas verbringt ist nicht deshalb süchtig. Entscheidend sind Kontrollverlust und Schaden, nicht Dauer oder Intensität. Ein Mensch, der jeden Abend drei Stunden spielt, läuft, liest oder arbeitet und dabei zufrieden, gesund und sozial eingebunden bleibt, hat ein Hobby oder eine Leidenschaft. Erst wenn er es nicht mehr steuern kann und wichtige Bereiche darunter leiden, kommt der Suchtbegriff in Frage.

Diese Zurückhaltung schützt vor zwei Fehlern: Menschen mit intensiven Interessen zu pathologisieren und echte Störungen zu verharmlosen, weil alles irgendwie Sucht ist. Menschen die sich fragen, ob ihr Verhalten noch gesund ist, sollten deshalb weniger auf die Stunden schauen als auf die Folgen und auf die Frage ob sie aufhören könnten, wenn sie wollten.

Warum Verhalten süchtig machen kann

Glücksspiel und viele Computerspiele nutzen denselben Mechanismus, der auch Substanzen so wirksam macht: unvorhersehbare Belohnung. Ein Gewinn, der manchmal kommt und manchmal nicht, prägt sich im Belohnungssystem tiefer ein als ein verlässlicher. Dazu kommen schnelle Abfolgen von Einsatz und Ergebnis, Fast-Gewinne, die wie Erfolge wirken, soziale Verstärkung durch Teams oder Ranglisten und die ständige Verfügbarkeit über das Smartphone. Lootboxen in Spielen, bei denen man für zufällige Inhalte zahlt, verbinden beide Welten.

Wie bei Substanzen spielt die Funktion eine Rolle. Wer spielt, um Stress, Einsamkeit oder Misserfolg zu vergessen, nutzt das Verhalten als Bewältigungsstrategie, und genau dann steigt das Risiko. Begleitende psychische Erkrankungen wie Depressionen, Ängste oder ADHS sind bei Verhaltenssüchten häufig und müssen im großen und ganzen mitbehandelt werden.

Beispiele aus dem Alltag

Beispielhafte Situationen, keine echten Personen. Ein Mann wettet seit Jahren auf Fußballspiele, zunächst kleine Beträge, inzwischen Live-Wetten während jedes Spiels. Er hat Kredite aufgenommen, die Familie weiß nichts davon, und er wettet weiter, um die Verluste zurückzuholen. Das ist eine Glücksspielstörung, eine anerkannte Verhaltenssucht mit allen Kriterien.

Eine Studentin verbringt viele Abende mit einem Online-Rollenspiel, hat dort Freunde und eine feste Gilde. Sie schläft genug, besteht ihre Prüfungen und trifft sich am Wochenende mit Menschen außerhalb des Spiels. Hier zeigt sich ob der Suchtbegriff passt: Er passt nicht. Intensives Spielen ohne Kontrollverlust und ohne Schaden ist keine Störung, auch wenn Eltern sich manchmal Sorgen machen.

Hilfe bei Verhaltens­süchten

Verhaltenssüchte sind gut behandelbar, im allgemeinen psychotherapeutisch. Suchtberatungsstellen beraten zu Glücksspiel und zunehmend zu Computerspielen und Mediennutzung, viele mit eigenen Gruppen. Beim Glücksspiel kommt die Spielersperre als sofort wirksamer Schutz hinzu, bei Computerspielen die Arbeit an Struktur und Alternativen. Stationäre Angebote gibt es für schwere Verläufe. Wer zum ersten mal eine Beratungsstelle wegen eines Verhaltens statt einer Substanz aufsucht, muss sich nicht rechtfertigen; die Suchthilfe kennt diese Fälle des öfteren und nimmt sie ernst. Was als nächstes passt, ergibt sich aus dem Gespräch.

Verwandte Begriffe und Artikel

Im Glossar: Kontrollverlust, Abhängigkeit, Craving. Zur Glossarübersicht mit allen 20 Begriffen.

Passende Hauptartikel: Glücksspielsucht, Computerspielsucht, Kaufsucht, Arbeitssucht, Sportsucht, Pornosucht und Sexsucht.

Quellen und Stand

  1. WHO: Gambling, Factsheet (Glücksspielstörung als Verhaltenssucht)
  2. WHO: Gaming disorder, Fragen und Antworten (Computerspielstörung, Kriterien, Abgrenzung)
  3. AWMF: S1-Leitlinie Diagnostik und Therapie von Internetnutzungsstörungen (2025) (Einordnung weiterer Nutzungsformen)

Autor: Redaktion PrevNet. Veröffentlicht am 2. Oktober 2026, letzte inhaltliche Prüfung durch die Redaktion am 2. Oktober 2026. Eine medizinische Fachprüfung durch externe Expertinnen oder Experten hat für diesen Artikel noch nicht stattgefunden.

Häufige Fragen

Fragen, die oft gestellt werden

Welche Verhaltenssüchte sind offiziell anerkannt?

Die Glücksspielstörung und die Computerspielstörung, beide in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation. Andere Begriffe wie Kaufsucht, Arbeitssucht oder Handysucht sind keine eigenständigen Diagnosen, auch wenn die dahinterstehenden Probleme real sein und behandelt werden können.

Ist Verhaltenssucht weniger schlimm als Drogensucht?

Nein. Glücksspielsucht etwa führt zu Schulden, Beziehungsverlust und einer hohen Rate an Suizidgedanken. Dass keine Substanz im Spiel ist, macht die Folgen nicht kleiner. Der Unterschied liegt in der fehlenden körperlichen Entzugssymptomatik, nicht in der Schwere.

Woran erkenne ich, ob ein Verhalten zur Sucht geworden ist?

An drei Fragen: Kann ich es steuern, also aufhören, wenn ich will? Hat es Vorrang vor Dingen, die mir eigentlich wichtig sind? Mache ich weiter, obwohl es mir oder anderen schadet? Lautet die Antwort über Monate hinweg nein, ja, ja, lohnt sich ein Beratungsgespräch.

Gibt es Medikamente gegen Verhaltenssüchte?

Keine zugelassenen spezifischen Medikamente. Die Behandlung ist psychotherapeutisch, meist verhaltenstherapeutisch. Begleitende Erkrankungen wie Depressionen oder ADHS werden gegebenenfalls medikamentös mitbehandelt, was oft auch das Suchtverhalten verbessert.

Nächster Schritt

Verstehen ist der erste Schritt. Hilfe der zweite.

Beratungsstellen, Telefon und Onlineberatung helfen weiter, wenn ein Begriff plötzlich sehr persönlich wird. Alle Angebote stammen von externen Trägern.